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Der Begriff Fortschritt in verschiedenen Kulturen

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Teaserbild: Foto von Erwin Demetrio Segundo, Chaco, Bolivien: "Das Foto ist sehr bedeutsam, denn das Kind schreibt auf guarani und spanisch. An der Tafel steht: “Che jau kagüi”, was heißt: “Ich trinke Chicha” (fermentiertes Maisgetränk). Die interkulturelle zweisprachige Erziehung hat sich in der Volksversammlung der Guarani durchgesetzt."
Teaserbild: Foto von Erwin Demetrio Segundo, Chaco, Bolivien: 'Das Foto ist sehr bedeutsam, denn das Kind schreibt auf guarani und spanisch. An der Tafel steht: “Che jau kagüi”, was heißt: “Ich trinke Chicha” (fermentiertes Maisgetränk). Die interkulturelle zweisprachige Erziehung hat sich in der Volksversammlung der Guarani durchgesetzt.'
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Fortschritt ist...

... wenn die Menschen in dem Land, in dem sie leben, nach Glück streben können oder so etwas wie Wohlstand haben. Darüber waren sich weltweit alle Teilnehmerinnen und Teilnehmer einig. Trotz unterschiedlicher gesellschaftlicher, politischer und kultureller Strukturen gibt es offensichtlich ähnliche Vorstellungen von Fortschritt. Doch was steckt dahinter? Was Glück bedeutet und wann Wohlstand einsetzt, das wird sehr verschieden definiert. Fortschritt ist weder ein universell von allen gleich verstandener Begriff noch ein Wert an sich. Es sind vielmehr andere Werte, die ihn formen, prägen - und bisweilen korrigieren.

Fortschritt ist die Verwirklichung von Utopien.
Oscar Wilde, anglo-irischer Dichter, 1854–1900

Fortschritt im Wandel

Die Vorstellung, was Fortschritt ist, verändert sich und ist immer an einen historischen, politischen und kulturellen Kontext gebunden. Im Laufe vergangener Epochen wurde er mal mehr, mal weniger materialistisch, politisch oder ideell begriffen. Weil sich auch Kulturen stetig weiter entwickeln, muss der Fortschrittsbegriff bzw. der gesellschaftliche Umgang mit Fortschritt dieser Dynamik Rechnung tragen und immer wieder in die aktuellen Rahmenbedingungen eingebunden, angepasst und kritisch hinterfragt werden.

Fortschritt ist ‚Ortschritt’.
Redakteure von politik orange

Ortschritt

Fortschritt ist nicht nur politisch, historisch und kulturell, sondern auch geographisch verortet. Die Redakteure der Jugendpresse Deutschland stellten während ihrer Recherchen zu ihrem Sonderheft von politikorange fest, dass Fortschritt auch in Deutschland sehr unterschiedlich gestaltet und überall anders bewertet wird. Was ein „gutes Leben“ ist, wird an unterschiedlichen Eigenschaften von Gesellschaft, Politik oder Technik festgemacht. Aus diesem Grund betitelten sie die Ausgabe mit „Ortschritt“.

Globalisierung gestalten

Der Fortschrittsbegriff ist eng an aktuelle Erfahrungen gebunden: der Zusammenbruch der Sowjetunion, die radikale Beschleunigung menschlicher Kommunikation, neue Informationstechnologien und der vor keiner „Kultur“ oder nationalen Grenze mehr aufzuhaltende Austausch von Gütern und Arbeit. Die Globalisierung verändert die Parameter individuellen, kollektiven und nationalen Handelns dramatisch. Dies hat Folgen für die internationale Zusammenarbeit.

Bei allen regionalen Fortschrittskonferenzen wurde die Globalisierung in erster Linie mit ungezügeltem, wirtschaftlichem Wachstum verbunden. Die Angst, mit dem Westen „gleichgeschaltet“ zu werden war ebenso zu spüren wie die Sorge vor wirtschaftlicher und sozialer Ungleichheit, die sich im Zugang zu den Märkten und der Verteilung von Macht und Kapital innerhalb eines Landes äußert.
Um das Gleichgewicht wieder herzustellen und Globalisierung positiv zu gestalten, muss Fortschritt unter dem Leitbild der nachhaltigen Entwicklung neu definiert werden.

Der „Sense of loss“

Liberalisierungstendenzen wurden überall kritisch hinterfragt und die Frage nach der Ethik industrieller Entwicklung mehrmals aufgeworfen. Der Konferenzteilnehmer Ashis Nandy in Indien sprach in diesem Zusammenhang vom „sense of loss“, dem Wissen um den Verlust: Bei aller Begeisterung für moderne Errungenschaften darf der Preis, den wir für dafür zahlen, nie in den Hintergrund treten. In allen Epochen der Moderne hat in den Fortschrittsdebatten ein solches Verständnis für Verlust mitgeschwungen, und auch wir sollten diese kritische Reflexion beibehalten.

The sense of loss has powered the thought of those who have made the best use of modernity.
Ashis Nandy, Senior Fellow and Director, Center for the Study of Development Societies, New Delhi. Teilnehmer am Fortschrittsprojekt

Interkultureller Dialog

Die Voraussetzung für eine echte Partnerschaft ist die Bereitschaft, sich selbst in die Waagschale zu werfen. Als Partner ernst genommen zu werden setzt voraus, sich den eigenen Standpunkt bewusst zu machen und in der Lage zu sein, eigene Werte, Stärken und Schwächen zu erkennen und zu formulieren. Nur so funktioniert interkultureller Dialog, und nur so kann er fruchtbar sein. Selbstverständlich ergeben sich dabei auch auf eigener Seite Widersprüche. Sie zuzulassen, sie intern konstruktiv zu diskutieren und sich auch nicht zu scheuen, sie nach außen offen zu legen, ist Teil des interkulturellen Dialogs und elementar für die internationale Zusammenarbeit.

Fortschritt ist ein gemeinsames Unterfangen. Wenn wir ihn wirklich erreichen wollen, dann sollen wir auch alle daran arbeiten und darüber diskutieren. Und darauf kommt es schließlich an: nicht nur, was der eine sagt, sondern auch, wie es bei dem anderen ankommt.
Swetlana Kolbanjowa, Journalistin und Produzentin, Kaliningrad. Teilnehmerin am Fortschrittsprojekt

Pluralität als Chance

Wenn von der Vielfalt der Kulturen die Rede ist, wird oft vergessen, dass es sich bei diesen „Kulturen“ nicht um statische Einheiten handelt, sondern dass sie aus Individuen bestehen, die untereinander in Verbindung stehen, sich austauschen und sich dadurch stetig verändern. Auch äußere Einflüsse, wechselseitige Abhängigkeiten und Machtstrukturen spielen für diese Veränderung eine Rolle. Das Verständnis von Fortschritt ist weltweit an diese sich ständig in Bewegung befindende Vielfalt gekoppelt. Statt nach einem einheitlichen Fortschrittsbegriff zu suchen, besteht die Chance vielmehr darin, Pluralität in Denken und Handeln zu stärken und die vielfältigen Konzepte in zukunftsweisende Entscheidungen einzubinden.

Alt und Neu

Fortschritt heißt auch, ein Gleichgewicht zwischen Bewahren und Verändern zu finden. Nicht alles, was neu ist, ist auch gut, nicht alles war früher besser. Es ist an Jedem von uns zu entscheiden, welche Elemente der eigenen Tradition losgelassen werden können und welche bewahrt werden sollten. Hier könnten verschiedene Kulturen aufeinander zugehen und gemeinsam Fortschritt gestalten.

Fürchte Dich nicht vor der Veränderung, eher vor dem Stillstand.
Lao Tse, Chinesischer Philosoph, 6. Jahrhundert v.Chr.

Perspektivwechsel

Trifft man auf eine andere Kultur, sticht einem das Fremde sofort ins Auge. Denn fremd ist, was nicht auf den eigenen Bewertungsmustern und Erfahrungen basiert. Das Vertraute erscheint dagegen logisch und damit „richtig“.

Es ist nicht einfach, aus der eigenen Perspektive auszubrechen und sich stattdessen wirklich auf eine andere Denkstruktur einzulassen. Ein indischer Teilnehmer der Fortschrittskonferenz schlug in diesem Zusammenhang ein „shifting the spotlight“ vor: wenn das kollektive Licht gebündelt wird und damit andere Gesellschaften in den Blick genommen werden, kann das aus den eigenen Argumentations- und Denklinien heraus zu einem neuen Erkenntnisgewinn führen. Mit einem solchen Perspektivwechsel könnten auch vergessene, westliche Fortschrittsmodelle wieder in den Fokus rücken und damit den scheinbar unvereinbaren Gegensatz „westlich – nicht westlich“ entschärfen.